Liebe Lara,
wie geht es dir? Wie ist das Wetter in Deutschland? Wie war die Reise?
Manchen in der Klasse geht es gut, manchen geht es schlecht. Unsere Deutschstunde ist ohne dich ganz anders.
Wir vermissen dich! Wir hoffen, dass du bald zurückkommst.
Vergiss uns nicht. Wir wünschen dir das Beste. Liebe Grüße, Deine Klasse 6
Ich sitze im Flugzeug von Tel Aviv nach Berlin, die Sonne wärmt mich und man hat in 11000 Metern Höhe eine atemberaubende Sicht auf die Wolken.-Freiheit!!!! 3600 km und ca 5 h Flugzeit trennen mich von ” zu Hause”, das ich vor 6 Monaten verlassen habe. Der Abschied vom alten Leben fällt schwer und ich frage mich was die Zukunft bringen wird.
“Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist”. Keine Ahnung wer sich diesen Spruch erdacht hat, er erscheint mir einfach nur bescheuert und unglaubwürdigg nach so einem schweren Abschied. Dieses halbe Jahr in diesem tollen Land ( tollen 2 Ländern) kommt nie wieder! Tränen begleiten diese Tatsache und wollen auch im Flugzeug nicht weichen.
Die israelische Sicherheitskontrolle bekam ich nochmal richtig zu spüren, wir mussten nicht nur einen Umweg zum Flughafen in Kauf nehmen, sondern wurden auch beim Sicherheitscheck in die höchste Sicherheitsstufe 6 eingestuft. Die “Sticker” haften auf meinem Gepäck und ich ahne schon was uns nun bevorsteht. 2,5 h beschäftige ich also die Sicherheitsleute mit meinem viel zu schweren Gepäck, die trotz sich anstauender Menschenmassen nicht davon ablassen alles genauestens zu untersuchen. Die Rose von Suha und Meike kommt heraus, über die sich die Frau, die sich mit meinem Gepäck in diesem Moment beschäftigte, freut und mich fragt (frägt), ob ich sie zum Valentinstag bekommen habe. Doch mit der Tatsache, dass sie Abschiedsgeschenk ist, ist die Frau auch sehr glücklich. Desweitern ist da noch ein ganz verpacktes ungeöffnetes Etwas in meinem Gepäck, das von Manu und Rebi stammt. Eigentlich sollte ich es ja erst im Flugzeug öffnen, doch aufgefordert durch die Sicherheitsleute öffne ich es und ach du scheiße! es kommt eine arabische CD heraus! “Fuck”, denke ich mir,” was fürn cooles Geschenk, aber in diesem Moment etwas unpraktisch! Was werden die Sicherheitsleute denken und vor allem was werden sie mich fragen? ”
Alles ganz locker, keine Fragen nur einen kleinen Sicherheitscheck wie alles in meinem Koffer, durrchläuft nun auch diese CD. “Puh, Gott sei Dank!”
Nach zwei Stunden werde ich also in den mir von Erzählungen bekannten Raum gebracht. Der Vorhang wird zugezogen. Was passiert jetzt? Darf ich jetzt noch tausen Fragen beantworten oder muss ich mich ausziehen? Die Frau fuchtelt mit ihrem Stab herum und führt mich wieder aus dem Raum. Mann hab ich ein Glück!
Ich habe tatsächlich 2 Handgepäckstücke: Meine Gitarre und meine Tasche und 34,5 Kilo ( statt 20 kg). Doch mit etwas Überredungskunst wird selbst mein Übergepäck freundlich umsonst eingecheckt und ich darf es in einen extra Übergepäck- Lift ( immer in Begleitung von der Sicherheitsfrau) bringen. YEAH! Endlich geschafft! Die 2,5h- dauernde Prozedur ist zu Ende!!!
“Das Essen war gut und die Kleine hat den ganzen Tag im Pool gespielt” diese Erzählungen von einer sehr protzig schicken reichen Family gelangen mir am Ben Gurion Flughafen an die Ohren. Das ist alles was sie vom Urlaub zu erzählen haben und alle sollen natürlich möglichst mitkriegen wie viel Geld sie in diesem Urlaub in ihrem Luxushotel verprasst haben. Selbst das kleine Mädchen ist top gestylt in ihrem rosanen Kleidchen mit weißen Pünktchen und erscheint schon gar nicht mehr wie ein kleines Kind sondern mehr wie eine Puppe, die ihren Eltern auf Schritt und Tritt gehorcht. Das ist also alles was sie mitgenommen habe von diesem Urlaub… Wie kann man nur so ” verstrahlt” leben und seinen Lebensstandard so heraushängen lassen?
Totaler Kulturschock bricht auf mich ein und ich empfinde eine gewisse Abneigung gegen diese Schicki-Micki-Welt.
Genau jetzt merkt man doch wie man sich stark verändert hat, man hat sich einen ganz anderen viel lässigeren Lebensstil angeeignet, den ich auch sehr liebgewonnen habe und man hat einfach nur gelebt ohne groß Wert auf Luxus oder Kleinigkeiten zu legen. Man hat einfach nur freiwillig geholfen, war für andere da. Das war dort der Lebenssinn! Und hier? Leistung, Geld und Luxus? -Ich fühle mich abgeschreckt von dieser ” Kultur”! Kann man das überhaupt Kultur nennen?
Wann wird man wieder in einem Shop zum Tee eingeladen werden? Wo sind die vielen Leute auf der Straße? Wer fragt wie es einem geht? Wo ist die Herzlichkeit und wo ist die Kultur und die Gemeinschaft?
Die Leistungsgesellschaft: Der Film ” Frames” läuft, der mir so wie es mir zumindest ohne Ton ersichtlich wird von einer Kunst- oder Musikhochschule, indem die Schüler um die Aufnahme kämpfen. Informationsgesellschaft: Die Köpfe stecken in denen vom Flugzeug ausgegebenen oder zum Teil selbst mitgebrachten Zeitungen. Was ist in der Welt geschehen?- Das interessiert sie. Doch was geschieht in deren Leben?- Frage ich mich. Lebt! Und schaut nicht nur in eure Zeitung!
Konsumgesellschaft. Waren werden angepriesen, unter anderem auch die Kopfhörer für den Film, die aber auch wieder satte 3€ kosten.
Wie soll das alles wieder in Deutschland werden und was will ich tun? das muss ich mich nun nach einem halben außergewöhnlich schönen Jahr fragen.
In Berlin beginnt dann wieder die Hektik! wir haben den Flug verpasst, buchen ihn schnell um und begeben uns auf Gepäcksuche. Einem Berliner begegnen wir beim Zollamt auch noch und verpassen mit Gewissheit diese Kultur auch nicht! ” Ick sag ihnen jetzt wat die Wahrheit is, junge Dame, dat is alles komplizierter als sie denken, ick glob sie können heute ohne dat Jepäck nach Hause fliegen.” So muntert uns der Herr Berliner auf, dem doch dat unglobliche jelingt, unser Jepäck doch noch zu finden. Fröhlich gehts zum Einchecken! Doch die deutsche Freundlichkeit und starre Bürokratie und Kleinlichkeit machen alles zunichte! Übergepäck! Lautet die Prognose! Zahlen oder nicht mitfliegen! Und kein Geld mehr auf irgendeiner Karte! Shit, da stehen wir nun gefangen in Berlin ohne Geld! Was nun? Gepäck wegzuschmeißen kommt nicht in Frage!!! Warum ist hier wieder alles so kleinlich? Wo sind wir hier? Völlig verzweifelt, fertig und aufgeschmissen kommen mal wieder die Tränen, wir wissen nur, dass wir in fünf Minuten eingecheckt sein müssen und ansonsten die Nacht auf dem Flughafen verbringen müssen! Wir erwecken zum Glück doch etwas Mitgefühl bei den deutschen und bekommen nur noch den Befehl lauft! Wir rennen durch die ganzen Checks und gelangen endlich in das Flugzeug! Schon beim Ausstieg werden wir von Freunden überrascht, die uns in einem Kleinbus zum Gepäckausgabe fahren! Selbst den roten Teppich bemerke ich diesmal und es ist ein superschöner, herzlicher und gelungener Empfang!
Das halbe Jahr verging wie im Flug und es war eine sehr tolle Erfahrung, die ich niemals vergeesen oder bereuen werde! Die wertvollen Erfahrungen kann einem niemand mehr nehmen und keiner, der nicht dabei war wirklich nachvollziehen! Ich sehe vieles in einem anderen Licht und es ist sehr schwer wieder in die “deutsche Welt” zurückzukehren. Ich frage mich, ob Freunde jemals verstehen können, wie es mir in diesem halben Jahr ergangen ist. Was werde ich von diesen Erfahrungen hier weitertragen und umsetzen?
Eine Mail von meiner sechsten Klasse freut mich sehr und man merkt wie man doch viel von Kindern zurückbekommt!








































